Blockchain – Das Geheimnis des Konsens

Blockchain – Das Geheimnis des Konsens

Konsensgenerierung ist Macht

Es gibt viele Formeln für die Macht. Wissen ist Macht, ist eine weitere. Macht hat derjenige, der der Souverän ist. Im Grundgesetz ist festgehalten: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Tatsächlich ist derjenige der Souverän, der über den Ausnahmezustand entscheidet. In der Realität ist dies nicht das Wählervolk. Der Bürger haftet bestenfalls für den Schaden, den der Souverän verursacht. Wir nennen dieses System „repräsentative Demokratie mit Gewaltenteilung“, in der wir zentralisierte Institutionen geschaffen haben, die die Rahmenbedingungen für alle anderen diktieren.

Im Zeitalter der digitalen Aufklärung wird immer deutlicher, dass dieses System ein Dschungel voller Mittelsmänner, Blender und Scharlatane ist. Jeder täuscht jeden. Alle werben um Vertrauen und missbrauchen es permanent bzw. verplempern es durch Inkompetenz. Das System betrügt sich selbst. Aber woran liegt das? Gibt es einen Schöpfer der Matrix, der aus Böswilligkeit alles so designt hat, um alle anderen zu täuschen und zu beherrschen? Gibt es eine verschworene Gruppe, die Satan dient? Auf Videoportalen liefern sich Hobbyforscher einen Überbietungsstreit, welche Elitegruppe nun die perfideste, tyrannischste und mächtigste sei. Hier wollen wir eine andere Erklärung versuchen.

Vertrauen ist teuer

Zwischenmenschliches Vertrauen ist teuer, weil man dafür viel kommunizieren und damit Lebenszeit investieren muss. In einer Familie oder einer kleinen Dorfgemeinschaft kann man sich eine kooperative Arbeitsteilung ohne Geld vorstellen. Man kennt sich untereinander gut genug, um einen Konsens über die Ressourcenaufteilung zu generieren. Die Lebenszeit, die ein Individuum in Kommunikation investieren kann, ist aber begrenzt. Darum haben immer größere Gemeinschaften Systeme entwickelt, um Vertrauen zu übertragen.

Mit den Technologien Sprache, Schrift, Buchdruck, Rundfunk und Digitalisierung bildeten sich immer größere Strukturen aus, da es immer günstiger wurde, Informationen zu archivieren und auszutauschen. Für die Konsensfindung von Rahmenbedingungen gibt es politische Systeme wie die Autokratie oder die Demokratie. Für die Konsensfindung von Wertvorstellungen kennen wir Religionen oder Ideologien, die ein kulturelles Verständnis und kollektive Identitäten schaffen. Für die Konsensfindung der Ressourcenaufteilung können wir zwischen Kapitalismus und Kommunismus wählen.

Kontrollsysteme

Die unterschiedlichen Systeme sind mal mehr als ein zentralisierten Kontrollsystem mit starker Hierarchie bis hin zur Sklaverei und mal mehr als ein dezentrales Konsensnetzwerk mit hoher Volatilität und Freiheit ausgelegt. Kontrollsysteme weisen eine hohe Effizienz aus, da nur ein Minimum an Kommunikation benötigt wird. Die Struktur ist in klaren Befehlsketten organisiert. Sie sind aber auch fragil und besitzen eine geringe Korruptionsresistenz, da Vertrauen leicht missbraucht werden kann und die Fähigkeit zur Selbstkorrektur minimal ist. Konsensnetzwerke sind schwerfällig und langsam, da viel kommuniziert werden muss. Einigkeit ist nicht garantiert. Die Volatilität und die Konkurrenz lässt es aber zu, dass sich die besten Lösungen behaupten können, was langfristig zu einer höheren Systemstabilität führt.

Proof-of-Force

Das mächtigste Kontrollintrument eines Gewaltmonopols ist die Währung. Die Währung nimmt in einem Wirtschaftsraum den alleinigen Geld-Anspruch ein. Mit der Kontrolle der Geldschöpfung kann definiert werden, welches Verhalten belohnt oder bestraft wird. Damit ist eine unterschwellige Konditionierung der Individuen möglich. Diese reicht bis zu den Währungshütern selbst und setzt damit jegliche Idee einer Gewaltenteilung außer Kraft. Dem Monopolisten gibt die Geldschöpfung den exklusiven Marktvorteil selbsterhaltende Kräfte zu fördern und Konkurrenten zu besteuern. Verschärft wird dieses System durch ein künftiges Zweiklassen-Geldsystem. Ein Aussterben der Bargeldnutzung hat zur Folge, dass nur noch Institute mit einer Banklizenz Zugang zur monetären Basis (heute: Bargeld und Zentralbankeinlagen) haben. Die übrige Wirtschaft wickelt ihre Arbeitsteilung nur noch über Giralgeld ab. Giralgeld ist Buch- oder Schuldgeld, welches nur ein Auszahlungversperchen auf heutiges Bargeld darstellt. Die wirtschaftliche Kontrolle der Individuen durch ein solches Kontrollsystem wäre damit absolut, da jeder bei Fehlverhalten mit Sanktionen und Isolation zu rechnen hat. Bargeld war einst ein Auszahlungsversprechen auf Edelmetalle, welches die monetäre Basis darstellte. Aber diese Information liegt mittlerweile außerhalb des Denkhorizonts vieler Menschen.

Wissenschaftsbetrieb Korruption
Schematische Darstellung des heutigen wissenschaftlichen Betriebs in Bezug auf das Reputation und Finanzierungssystem

Die Selbst-Korruption der Wissenschaft

Welche Blüten selbstkorrumpierende Systeme ausbilden, zeigt der heutige wissenschaftliche Betrieb. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten ein öffentliches Gut sein und dem Gemeinwohl dienen. Schließlich werden dem Bürger dafür Steuergelder abverlangt. Die Realität ist wiedermal eine andere. Wissenschaftler sind gezwungen Fachartikel zu publizieren, um ihre Reputation auszubauen. Denn nur mit ausreichender Reputation gelingt es steuerfinanzierte Fördergelder einzuwerben und Nachwuchsforscher zu beschäftigen. Publiziert wird per Peer-Review-Verfahren in möglichst relevanten Journalen wie Nature oder Science. Beim Peer-Review-Verfahren werden die Artikel von Fachkollegen begutachtet, was zur Akzeptanz, Nachbesserung oder Ablehnung führt. Dies ist der Konsensprozess der Wissenschaft, den die Journale kontrollieren. Bei der Veröffentlichung treten die Autoren ihre Rechte am Artikel an die Journale ab. Die Universitäten und Forschungsinstitute zahlen horrende Lizenzgebühren an die Journale, damit die Forscher die Artikel ihrer Kollegen lesen dürfen und so ihrer Arbeit nachgehen können. Die Lizenzgebühren sind ebenso durch Steuern finanziert. Dennoch bleiben dem Bürger die Artikel hinter Bezahlschranken verschlossen, obwohl er diese komplett zwangsfinanziert hat. Für die Aufarbeitung dieses Themas wurde Aaron Swartz, der an der Umsetzung der Creative-Commons-Lizenzen beteiligt war, mit einer Anklage „belohnt“, in der 35 Jahre Haft in Aussicht gestellt wurden. Aaron Swartz hat sich Anfang 2013 mit 26 Jahren das Leben genommen.

Digitale Revolution

Heute verlieren unsere zentralisierten Kontrollsysteme mehr und mehr an Vertrauen, weil der Konsens, der hier generiert wird, mangelhaft ist. Zu Zeiten des Rundfunks waren Radio und Fernsehen für die Konditionierung des Pöbels verantwortlich. Da die nutzbaren Frequenzen im Äther begrenzt sind, konnten diese leicht reguliert und kontrolliert werden. Mit der Digitalisierung und dem semi-dezentralen Internet hat der Bürger die Möglichkeit sich vorbei an den zentralisierten Konditionierungssystemen zu informieren und seine Ansicht selbst kund zu tun. Peter Kruse hat 2010 aus der Digitalisierung und der rapiden Erhöhung der Netzwerkdichte eine Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachtfrager konstatiert. Damit kommen die orwellschen Lügen immer mehr unter Druck. Dem Ministerium für Wahrheit [Orwell 1984] wird es immer teurer gemacht die Vergangenheit zu kontrollieren.

Asymmetrisches Kryptosystem
Asymmetrisches Kryptosystem mit öffentlichen (grün) und privaten (rot) Schlüssel

Digitale Souveränität

Digitale individuelle Souveränität kann heute jeder mit der asymmetrischen Kryptographie absichern. Diese basiert auf dem in den 70er Jahren gefundenen RAS-Verfahren mit öffentlichen und privaten Schlüsseln. Die Erstellung eines Schlüsselpaars ist wie die Schaffung einer neuen digitalen Identität. Der öffentliche Schlüssel ist wie eine Hausnummer oder eine Kontonummer und kann jedem mitgeteilt werden. Der private Schlüssel ist wie das Passwort zu dieser Identität. Es können digitale Unterschriften zu Dokumenten erstellt werden, die für jeden überprüfbar sind und die Identität selbst mit dem exakten Dokumenteninhalt verknüpfen. Der private Schlüssel, also das Geheimnis der digitalen Identität, muss dazu niemandem mitgeteilt werden. Dieses Verfahren ist weitaus sicherer als jede Unterschrift per Hand unter Verträgen. Zudem kann jeder nur durch Kenntnis des öffentlichen Schlüssels einer Person eine Nachricht verschlüssen, die nur mit Hilfe des privaten Schlüssels gelesen werden kann. Das hat zur Folge, dass sich zwei Kommunikationspartner nicht auf ein gemeinsames Passwort einigen müssen. Für den Email-Verkehr gibt es hierzu das PGP-Protokoll, womit es Email-Providern unmöglich gemacht wird, den Inhalt mitzulesen. Wenn man seine Mitteilungen standardmäßig signiert, wird es dritten unmöglich gemacht, einem falsche Worte in den Mund zu legen. Sichere Kommunikation fördert zwischenmenschliches Vertrauen und stellt Kapital dar.

Das Konsensbuch – Die  Blockchain

Moderne dezentrale Konsensnetzwerke basieren auf der Blockchain-Technologie. Für die Verwaltung der Identitäten wird die asymmetrischene Kryptographie verwendet. Die Datenbank selbst gleicht einem freien und transparenten Versionskontrollsystem wie Git und wird wie ein Geschichtsbuch fortgeschrieben. Dezentralisiert wird dieses Geschichtsbuch in einem Peer-to-Peer-Netzwerk nach dem Vorbild von BitTorrent. Das Herzstück einer Blockchain ist das Konsens-Protokoll, welches einer Verfassung gleicht. In diesem Protokoll ist vereinbart, nach welchen Regeln das Geschichtsbuch automatisiert fortgeschrieben wird, damit die Gemeinschaft immer wieder den Konsens findet. Jeder kann diesem Konsens folgen, aber niemand muss ihn akzeptieren. Jeder ist frei die Konsenskette abzuspalten oder nur mit dem Quelltext ein neues Blockchain-Projekt zu starten. Eine Abspaltung wird als „Fork“ (dt. Gabelung) bezeichnet.

Der Bitcoin

Die erste und primitivste Blockchain ist der Bitcoin. In einem White-Paper wurde er vom Pseudonym Satoshi Nakamoto als Geld-System, welches keine zentrale Instanz benötigt, am 31.10.2008 vorgestellt. Eine netzwerkinterne Recheneinheit wird als Geld betrachtet, welche sich im Kassenbuch auf der Blockchain von Identität zu Identität transferieren lässt. Dieses Geld dient zusätzlich als Spamschutz, indem Daten in die Blockchain schreiben zu lassen etwas kostet. Zudem dient die Recheneinheit als Belohnung für vollrichtete Konsensarbeit. Die Konsensarbeit ist hier numerisches Würfeln und ist damit letztendlich Glück. Wer das Glück hat, eine Zeichenkombination getestet zu haben, die alle per Verfassung akzeptieren wollen, der schreibt die neue Buchseite und alle anderen bauen darauf auf. Das Durchprobieren von Zeichenkombinationen kostet Energie und darum wird dieses Protokoll als Proof-of-Work (dt. Nachweis von Arbeit) bezeichnet. Dieser Konsensprozess ist sicherlich noch nicht so wertschöpfend wie ein wissenschaftliches Peer-Review-Verfahren. Allerdings wird durch den hohen Grad der Automatisierung der Konsens vorerst ausreichend abgesichert.

In den letzten Jahren sind mehr und mehr Blockchain-Projekte entstanden und werben im freien Wettbewerb um Vertrauen und Adaption. Dabei wird mit unterschiedlichsten Konsens-Protokollen experimentiert. Der Innovationsprozess in dieser Subkultur ist enorm.

Der Systemwandel

Wie schnell sich das kollektive Vertrauen von heutigen Kontrollsystemen auf diese Konsensnetzwerke übertragen wird, ist Spekulation. Technologie-Adaption ist für jedes Individuum ein spekulatives Investment, welches Zeit kostet. Vielleicht braucht es noch weitere Dramen, Krisen und Katastrophen, bis die Fehlallokation von Vertrauen in selbstkorrumpierende Systeme erkannt wird. Aber vielleicht verkürzt sich die Halbwertzeit der fragilen Kontrollsysteme schneller als gedacht.

Die Blockchain setzt auf jeden Fall einen neuen Standard, wie wir kommunizieren, Vertrauen und Konsens finden können. Technologischer Fortschritt ist unaufhaltsam und in der Komödie Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt hieß es schon: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“